Reiner Hardt - Leiter Geld und Haushalt Reiner Hardt - Leiter Geld und Haushalt  

Jugendliche in der Schuldenfalle?


Berlin, Februar 2006. Schwach im Kopfrechnen, aber groß im Schulden machen.

Glaubt man dem Bild, das viele Medien von Jugendlichen skizzieren, leben diese auf "Pump", um ihre astronomisch hohen Handyrechnungen, Trendklamotten und sonstigen Lifestyle-Accessoires finanzieren zu können. Steht die Jugend wirklich kollektiv vor dem finanziellen Kollaps? Hat die "Konsumgesellschaft" dafür gesorgt, dass Jugendliche ihr Geld heute sorgloser ausgeben als vorherige Generationen junger Leute?

„Die gute Nachricht ist: Drei Viertel aller Jugendlichen gehen planvoll mit ihrem eigenen Geld um“, erklärt Reiner Hardt, Leiter des Beratungsdienstes „Geld und Haushalt“ im Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV), und ergänzt: „Allerdings haben verschiedene Umfragen auch ergeben, dass etwa ein Viertel der Jugendlichen kontinuierlich nur von der Hand in den Mund lebt.“ Von einer Überschuldung der Jugendlichen im „großen Stil“ kann nach Hardts Ansicht aber keine Rede sein. Dafür nennt der Experte gleich zwei Gründe: Zum einen verbiete die Gesetzeslage in Deutschland, an Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren Kredite zu vergeben – dies sei nur mit Zustimmung der Eltern und des Vormundschaftsgerichts möglich. Und zum anderen gebe es bislang kaum fundiertes statistisches Material, das eine „Überschuldungstheorie“ bei minderjährigen Jugendlichen wirklich belege.

Mehr ausgeben als einnehmen

Ein erster Ansatz in Sachen Statistik ist der „Schufa Schulden-Kompass 2005“, der unter anderem die Finanzkraft Jugendlicher und junger Erwachsener beleuchtet. Danach erhielten die 6- bis 12-Jährigen im Jahr 2005 insgesamt Geldzuwendungen in Höhe von 1,44 Milliarden Euro. Rund 7,5 Millionen Jugendliche im Alter von 13 bis 17Jahren verfügten dank 1,8 Milliarden Euro Taschengeld, 1,5 Milliarden Euro Geldgeschenken, 1,0 Milliarden Euro Einnahmen aus Jobs und Nebentätigkeiten sowie 0,8 Milliarden Euro Ausbildungsgeld über rund 5,1 Milliarden Euro.

Hardt zufolge stellt der „Schufa Schulden-Kompass“ aber auch fest, „dass 12 Prozent der Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren Schulden in durchschnittlicher Höhe von 60 Euro haben“. Mit 47 Prozent sind allerdings die Eltern die wichtigsten Gläubiger, dann folgen Freunde mit 38 und Geschwister mit 14 Prozent.

Mit zunehmendem Alter steigt jedoch auch die Verschuldung sukzessive an, sodass bei den jungen Erwachsenen (22- bis 24-Jährige) 22 Prozent mit Schulden belastet sind. Sieben Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen geben stets mehr Geld aus, als sie einnehmen. Sie gelten deshalb als überschuldet. Ihre durchschnittliche Verschuldungshöhe wird mit 2800 Euro angegeben. Häufigste Ursachen für eine Verschuldung bei den jungen Erwachsenen sind mit 67 Prozent größere Anschaffungen wie Auto, Wohnungseinrichtung und Computer.

Finanzielle Bildung unzulänglich

Die zweithäufigste Ursache (36 Prozent) der Überschuldung sei die unzulängliche Wirtschaftsplanung. Und dieser Punkt steht für den Geldexperten in direkter Verbindung zur finanziellen Bildung. „Wirft man einen Blick auf die ‚Schuldenkarrieren’ überschuldeter Erwachsener, lässt sich ganz klar sagen: Wissen kann schützen.“Hardt verweist auf diverse Untersuchungen, die eindeutig belegen: „Je höher der Bildungsgrad, desto größer das Zahlungswissen und umso geringer die Schuldenneigung.“

Positiv wirkt sich in diesem Punkt das Schulfach Wirtschaft aus, das inzwischen einige Bundesländer eingeführt haben. Außerdem arbeiten in vielen Städten lokale Schuldnerberatungsstellen erfolgreich mit Schulen zusammen: In Berlin beispielsweise bietet der Verein „Deutscher Familienverband“ mit dem Comicspiel „Was was kostet“ einen unterhaltsamen Einstieg in die Haushaltsführung.

Schon von klein auf, also weit vor dem Eintritt in die Welt der Erwachsenen, sollten junge Menschen den verantwortungsvollen Umgang mit Geld – das „Haushalten“ –lernen. In der Pflicht sieht Hardt jedoch nicht nur die Schule, sondern vor allem auch das Elternhaus: „Gelderziehung fängt zuhause an – und zwar vergleichsweise früh.“ Entwicklungsabhängig sollten Kinder ab dem fünften Lebensjahr Taschengeld erhalten, dessen Höhe sowohl dem Alter des Kindes als auch dem Familieneinkommen angepasst ist. Mit dem Taschengeld sammeln Kinder erste praktische Erfahrungen im Umgang mit eigenem Geld. „Dazu gehört auch zu lernen, dass Geld kein beliebig vermehrbarer Stoff ist, sondern ein Wert, für den man auch Verantwortung übernehmen muss“, rät Hardt. Kinder und Jugendliche haben Wünsche und Träume, die nicht immer mit der Größe des Geldbeutels in Einklang zu bringen sind. Der Umgang, das Haushalten mit dem eigenen Taschengeld, kann ihnen dabei helfen, eine Balance zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu finden.

Eltern sollten selbst haushalten

Das Thema Taschengeld ist natürlich auch „Diskussionsstoff“ in der Familie – und das ist auch gut so. Die Eltern sollten die Höhe vorschlagen (Orientierungshilfe siehe Tabelle unten). Möchte das Kind mehr, besteht natürlich Gesprächsbedarf, dem Eltern nicht aus dem Weg gehen dürfen. „Das Kind muss eine Chance haben zu begreifen, warum es wie viel bekommt und warum Freunde oder Klassenkameraden eventuell mehr Geld erhalten“, so Hardt. Wichtig sei, dass „Eltern offen über die finanzielle Situation sprechen und als Familie nach einer Lösung suchen“. Dabei sollten sie natürlich auch ihren eigenen Umgang mit Geld reflektieren. Eltern, die ihren Kindern „Wasser predigen“, aber selbst im „Wein schwelgen“ und sich teure eigene Wünsche erfüllen, seien weder glaubwürdig noch vorbildlich.

Eigenes Girokonto für Jugendliche

Zum „fortgeschrittenen“ Umgang mit dem eigenen Geld gehört, dass Jugendliche ab dem 14. Lebensjahr ein eigenes Girokonto als Taschengeldkonto haben sollten. Da ein solches Konto ausschließlich auf Guthabenbasis eingerichtet wird, besteht kein Schuldenrisiko. Zum verantwortungsvollen Umgang mit dem Geld gehört auch, dass der Nachwuchs lernt, mit seinem monatlichen Budget „auszukommen“, dass größere Wünsche als Sparziel definiert und mittels „privater Buchführung“ Einnahmen und Ausgaben einander gegenüber gestellt werden. Neben der seit Jahren etablierten Broschüre „Mein Taschengeldplaner“ will „Geld und Haushalt“ im Rahmen der UNESCO-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ im Frühjahr 2006 die erste Handyapplikation für Jugendliche zur persönlichen Budgetkontrolle vorstellen. Sie soll für möglichst viele der von jungen Menschen genutzten Handy-Typen verwendbar und im Handling auf jeden Fall gebührenfrei sein. Experten wie Hardt erhoffen sich von diesem Projekt einen Lerneffekt: „Mit der Handyapplikationgeben geben wir Jugendlichen die Möglichkeit, auf ‚coole’ Art und Weise stets über ihre eigenen Finanzen auf dem Laufenden zu sein.“

d

Wie viel Taschengeld?*
Wöchentlich                                        Monatlich                               
Alter                Betrag in Euro            Alter               Betrag in Euro
unter 6           0,50                             10 - 11              13,00 - 16,00
6 - 7               1,50 - 2,00                   12 - 13             17,00 - 19,00
8 - 9               2,00 - 2,50                   14 - 15             20,00 - 22,00
                                                             16 - 17             30,00 - 40,00 
                                                             18                     60,00              
*Empfehlungen der Jugendämter       


                                   

Hilfsangebot für Jugendliche und Eltern
Grundsätzlich können sich Jugendliche, die finanzielle Probleme haben, und natürlich auch deren Eltern an die örtlichen Schuldnerberatungsstellen wenden.
Hilfe bietet zudem die „Nummer gegen Kummer“ des Deutschen Kinderschutzbundes: 0800-1 11 03 33.

„Geld und Haushalt“ hat die Broschüren  „Budgetkompass für Jugendliche“ und „Mein Taschengeldplaner“ im Angebot.
Die zum Kontext der UNESCO-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ gehörenden Ratgeber können
kostenlos telefonisch unter 07 11-7 82 23 77 sowie über das Internet unter
www.geld-und-haushalt.de bestellt werden.


(Quelle: Klett-Themendienst Nr. 33 / Februar 2006)

 

Download-Links:
Interview (58 kb) Pressefoto (jpeg, 188kb)

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